HICKORY GOLF
Hickorygolf – mit 80 Jahre alten Holzschlägern

Alte Eisen

Die Devise beim Golf lautet „länger und weiter“. Doch jetzt gibt es eine Gegenbewegung: Hickorygolf. Beim Vintage Golf wird High-Tech-Equipment durch 80 Jahre alte Holzschläger ersetzt. Kleidung im Stil der 1920er Jahre vermittelt eine besondere Atmosphäre. Autorin Martina Parker hat Hickory Spieler in Bad Tatzmannsdorf auf ihrer Runde begleitet.

Lustig ist es ja nie, wenn man am ersten Abschlag steht und beobachtet wird. Aber heute sind die Bedingungen verschärft. Der Holzschläger, den ich in den Händen halte ist über 80 Jahre alt und – so wurde mir im Clubhaus des Reiters Golf & Country Club Bad Tatzmannsdorf von Anwesenden mehrfach erklärt – viel schwerer zu spielen, als jeder moderne Golfschläger. Mehrere Augenpaare sind auf mich gerichtet, als ich zum Schwung aushole. „Schön rund, nicht zu schnell und konzentriert“, lautet die Anweisung. Der Ball fliegt Richtung Green, nicht ganz so weit wie sonst, aber zumindest halbwegs hoch und halbwegs gerade. „Geht doch“, sagt Giunto Schalkenberg, Präsident des Clubs Hickory Golf Burgenland. Und ich bin verliebt. Nicht in den Präsidenten, sondern in diesen bildhübschen Schläger in meinen Händen. So elegant hat sich noch kein Schwung angefühlt. Dieses „Whoosh“, das der Holzschaft macht, wenn man ihn durch die Luft schwingt. Und erst das elegante „Tock“ wenn der Schläger den Ball berührt. Golfspielen macht süchtig. Bei Hickory Golf geht das mit der Sucht wohl besonders schnell. Auch bei Flightpartnerin Dr. Gertraud Hofer, war es in Sachen Hickory Liebe auf den ersten Schlag. Vor vier Jahren hatte die begeisterte Golferin beim Kaiser Golf Turnier in Bad Ischl zum ersten Mal Kontakt mit Hickory Spielern, die sie in die Welt des Vintage Golf einführten. Es ist Golf wie aus einer längst vergangenen Zeit, der alten Zeit. Hier sind die Männer noch Gentlemen und die Damen Ladies. Die Schläger sind keine seelenlosen Nummern, sondern haben schöne Namen wie Brassie oder Spoon. Man kleidet sich im Stil des frühen 19. Jahrhunderts und spielt auch nur mit Equipment aus dieser Zeit. Allein entsprechende Schläger sind gar nicht so leicht zu finden. Gertraud Hofers Suche führte sie bis nach Schottland. Zum Hickory Experten Graham Griffith, der in Folge nicht nur sie, sondern auch Giunto und weitere Gründungsmitglieder des Clubs Hickory Golf Burgenland mit alten Eisen und Hölzern ausstattete. Schlägerkauf ist Vertrauenssache. Sets fast gar nicht zu finden. Aber beim Hickory geht es gar nicht darum, den schnellsten und besten Schläger am Markt zu finden. „Man stellt sich auf den Schläger ein, den man hat – und dann macht man das Beste daraus“, sagt Gertraud. Bei ihr bedeutete „das Beste“, dass sie 2016 auf Anhieb beim European Hickory Golf Championship in Dänemark als erste Österreicherin die Nettowertung gewann. Gespielt wurde auf einem historischen Golfkurs aus dem Jahr 1901 auf der Insel Fanø. „Es gab eine Abschlagmatte, eine Dünenlandschaft und irgendwo dahinter ein Green“, erinnert sich Gertraud. „Wer behauptet, dass unsere Plätze nicht genug gegroomt sind, sollte mal so einen historischen Platz spielen.“ Ehemalige Champions wie Bobby Jones oder Harry Vardon haben unwahrscheinlich gut Golf gespielt mit den Schlägern und den Bällen von damals, auf Plätzen, die nicht annähernd so gepflegt waren wie heute. Sie sind die wahren Vorbilder der Vintage Golfer. Viele von ihnen finden, dass das zeitgemäße Golfspiel durch das fehlerverzeihende Material zu simpel geworden sei. Und während viele moderne Golfer mit vierzehn Schlägern spielen, habe ich gerade mal fünf im Bag. Und die sind schwieriger zu handhaben, als meine gewohnte Ausrüstung. Der sogenannte Sweet Point, der Punkt auf dem Schläger, mit dem man den Ball treffen muss, damit er richtig fliegt, ist bei Hickory-Schlägern viel kleiner als bei heutigen Modellen. Außerdem muss ich sanfter schwingen, weil das Holz elastisch ist. „Wenn Du stark draufschlägst, verschießt Du den Ball.“, sagt Giunto: „Die alten Modelle verzeihen eben keine Fehler.“ Durch das Feedback verbessere sich aber auch die Technik und das Spiel. Man freut sich beim Hickorygolf über jeden gelungenen Schlag und ärgert sich interessanterweise weniger über misslungene Schläge. Ich bin achtsam und aufmerksam – Tugenden, die beim Golfen bekanntlich niemals schaden – und werde nach ein paar grauenhaften wieder mit ein paar guten Schlägen belohnt. Bei den Par 4 Löchern leiht mir Gertraud beim Abschlag ihren Lieblingsschläger, ein Bulldog, ein recht seltenes Holz mit einem kleinen Kopf, das am ehesten mit einem Hybrid oder Fairwayholz zu vergleichen ist. Ich bin begeistert, wie gut das Ding in der Hand liegt. Und irgendwie fühlt es sich an, als hätte das Holz eine Seele. Bulldog, Mashie, Niblick… obwohl ich nur mit wenigen Schlägern unterwegs bin, muss ich bei jedem Schlag neu überlegen, welcher Schläger wohl der gerade passende wäre. Gertraud Hofer kennt das Problem. Ich habe mir die Grade auf die Schäfte geschrieben, verrät sie mir. Bei Loch 7 fotografieren uns begeisterte Passanten. Giunto und Gertraud geben tatsächlich ein tolles Fotomotiv an. Beide sind auf der Runde gekleidet wie Landadelige aus der britischen TV-Serie Downton Abbey. Das „Fotografiert werden“ sind sie gewöhnt. Trainiert wird mit historischer Ausrüstung und Kleidung einmal wöchentlich im Heimatclub Bad Tatzmannsdorf in geselliger Runde. Das Outfit wird jedes Mal liebevoll zusammengestellt. Das Hemd des Großvaters, die Tweedhose aus London, dazu ein Hut von einer lokalen Hutmacherin. Vintage Golf, ein Kostümfest mit Ballkontakt? Viel mehr ein spielerischer Nonkonformismus in der wieder alte Werte wie Eleganz und Tradition gepflegt werden. „Hickory ist eine Art Nostalgiebewegung, eine Reise zurück zu den Wurzeln des Golfsports,“ schwärmt Giunto, der sich intensiv mit der Geschichte des Golfs auseinandersetzt und bereit einiges an Literatur zum Thema zusammengetragen hat. Er schätzt am Vintage Golf die Entschleunigung – man spielt lockerer – und die Geselligkeit. Es ist in Europa eine recht überschaubare Gruppe von Leuten, die Spaß an der Geschichte des Golfsports haben und diese pflegen. Bei Turnieren und Hickorytagen trifft man sich, spielt gemeinsam und trinkt nach der Runde gepflegt ein Gin&Tonic. Man kennt sich eben. Neuzugänge gäbe es trotzdem. Diese Events ziehen jedes Mal Zuseher an, und irgendeiner ist immer dabei, den es packt. Als unsere Runde zu Ende geht, kommt uns ein Flight moderner Golfer entgegen. Meine Augen haben sind in den letzten paar Stunden so sehr an die Optik von Gertraud und Giunto in ihren Vintage-Outfits gewöhnt, dass mir die Entgegenkommenden mit ihrer E-Trolleys, ihren kreischbunten Funktionsshirts und ihren riesigen Drivern vorkommen, wie Zeitreisende aus der Zukunft. Ich werde noch ein bisschen in den 1930er Jahren verweilen, zumindest auf ein Gin&Tonic im Clubhaus. Und dann werde ich mich mal erkundigen, ob die in Schottland nicht vielleicht noch ein paar passende Hickoryschläger zu verkaufen haben.

Über Hickory
Hickory-Golf wurde zu einem Synonym für Golf im Stil früherer Zeiten (Vintage Golf, History Golf) und hat weltweit viele Anhänger. Bei Hickory-Golfturniere und Meisterschaften wird mit klassischen Schlägern mit Schäften aus Hickory Holz (ein amerikanisches Wallnussgewächs), die vor 1935 gebaut wurden, gespielt, zu beziehen etwa über www.antiquehickorygolfclubs.com. Von der Society of Hickory Golfers sind auch bestimmte Replicas zugelassen. Die schönsten macht Joe Lauber in der Schweiz, www.jblgolf.com. Als Golfbälle werden entweder klassische „Guttys“ verwendet, die aus kautschukähnlichem Guttapercha gefertigt werden, oder aber in alten Formen hergestellte moderne Golfbälle. Für Trainingsrunden und auf der Range werden gerne Softballs verwendet. Dazu passend wird ein stilechtes Outfit gefordert.
www.hickorygolf.at
www.golfika.de
www.hickorygolfers.com