Je schneller Sie schwingen
Deschmann Kolumne15
Je schneller Sie schwingen, desto steifer sollte Ihr Schaft sein … oder?

Sie haben sicher schon gehört, dass jeder halbwegs gute Clubfitter an einem Punkt im Fitting mit Hilfe eines Gerätes seiner Wahl Ihre Schlägerkopfgeschwindigkeit messen wird. Er oder Sie macht das, um die Möglichkeiten der Schaftwahl einzuschränken. Sie könnten nun annehmen, dass damit das Ende der Schaftauswahl erreicht ist. Wenn Sie eine höhere Schlägerkopfgeschwindigkeit haben bekommen Sie einen steiferen Schaft und einen weicheren, falls Ihre Schlägerkopfgeschwindigkeit niedriger ist.

Aber das stimmt so nicht. Schlägerkopfgeschwindigkeit ist lediglich der erste Ansatzpunkt für einen Schaftfittingprozess. Und wenn dieser ordentlich durchlaufen wird, kann es sein, dass Sie am Ende mit einem gänzlich anderen Schaft dastehen, als Sie ursprünglich erwartet haben. Ein paar Dinge, die Sie wissen sollten, bevor Sie sich mit dem Thema Schäfte näher befassen. Die Flex Bezeichnung, die auf
dem Schaft steht bedeutet überhaupt nichts, es gibt nämlich keinerlei Standards für Golfschläger und jeder Hersteller verwendet da die Bezeichnung seiner Wahl. Was bei einem Hersteller Regular ist kann des nächsten Herstellers Stiff und des übernächsten Senior Flex sein. Und der Schaft funktioniert nicht wie eine Peitsche um den Schlägerkopf zu beschleunigen. Im Rückschwung und im Durchschwung verbiegt sich der Schaft nämlich in 2 nicht gegenüberliegende Richtungen.

Wenn der Schaft demnach den Ball nicht das Fairway hinunter peitscht, was macht er dann? Was aussieht wie ein Peitschenschlageffekt wird nicht vom Schaft verursacht sondern vom Spieler, wenn er seinen Handgelenkwinkel löst. Das ist der Punkt, zu dem das Biegeprofil des Schafts seine Arbeit leistet. Die Aufgabe des Schafts ist es, gemeinsam mit dem Release (dem Loft des Schlägers, dem Schwerpunkt des Schlägerkopfes und dem Eintreffwinkel zum Ball) den Abflugwinkel und die Flugbahn des Balles zu bestimmen. Das Biegeprofil des Schafts hat nebenbei auch wesentliche Auswirkungen dazu, wie sich der Schläger anfühlt, mehr dazu später.

Wenn Sie Ihren Durchschwung beginnen, dann bewegen sich Ihre Arme und Ihr Schläger in der gleichen Geschwindigkeit, solange Sie Ihren Handgelenkswinkel halten. Sobald Sie beginnen, den Handgelenkswinkel zu lösen, verlangsamen sich Ihre Arme und der Schläger beschleunigt. Der Schlägerkopf, der bisher hinter dem Schaft her gekrochen ist, reagiert nun auf die langsameren Arme und schießt nach vorne und überholt sogar den Schaft. Das führt dazu, dass sich der Schaft nach vorne und unten durchbiegt, dies erhöht den Loft im Impact und erhöht den Abflugwinkel des Balles und beeinflusst damit die Distanz, die der Ball fliegen wird. Das Problem an der Sache, nicht alle Schwünge laufen identisch ab, ganz im Gegenteil, wenn man seinen Blick einmal über die Driving Range seiner Wahl schweifen lässt, dann sieht man da recht große Unterschiede.

Nehmen wir 3 hypothetische Golfer. Der Erste löst seinen Handgelenkswinkel früh, der Zweite mittel und der Dritte spät. Der Schaft des Golfers, dessen Handgelenkswinkel früh wieder gelöst wird hat sich bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Schläger am Ball ankommt wieder komplett gerade ausgerichtet und der oben beschriebene Effekt ist komplett verloren. Verglichen mit einem frühen Release ist ein mittlerer besser, aber am besten wäre es, den Winkel im allerletzten Moment zu lösen. Der Punkt ist, alle 3 Golfer könnten exakt dieselbe Schlägerkopfgeschwindigkeit haben, aber sollten sie auch den gleichen Schaft benutzen? Wohl kaum.

Und es gilt sogar noch mehr zu beachten, als den Release. Wie kraftvoll ist Ihr Übergang von Rückschwung auf Durchschwung, wie aggressiv ist Ihr Schwung zum Ball, wie stark ist Ihre Beschleunigung und wie gleichmäßig schaffen Sie all das? Mit all diesen Informationen zusammen kann Ihr Clubfitter eine gute Schaftwahl treffen. Schlägerkopfgeschwindigkeit X = Schaft Y … das ist einfach nicht gut genug. Der
Schaft ist über all dies hinaus die Komponente, welche am stärksten das Gefühl mit dem Schläger beeinflusst. Wenn sich zum Beispiel ein Schläger bei Treffern, die nur leicht außerhalb der Mitte sind schon ein wenig leblos anfühlt, als würden die Bälle langsamer von der Schlagfläche abfliegen. Dann ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Biegeprofil des Schafts ein wenig zu hart. Ist der Schaft allerdings zu weich, dann verliert man relativ schnell das Gefühl dafür, wo sich der Schlägerkopf derzeit befindet. Beides ist natürlich nicht der Idealfall und sollte bei der Schaftwahl ebenfalls berücksichtigt
werden.

Nun nur mehr eine Frage. Als Sie sich zuletzt Schläger gekauft haben. Wie viel Zeit hat sich der Verkäufer genommen um zu evaluieren, welcher Schaft für Sie der richtige ist?