Länger ist besser ... die Loft-Schwund Krankheit der Eisenserien
Deschmann Kolumne3
Länger ist besser ... die Loft-Schwund Krankheit der Eisenserien


Ich kann den Wunsch nach längeren Schlägen gut nachvollziehen. Einerseits angetrieben durch den eigenen Ehrgeiz mindestens genausolang, wenn nicht länger, als die üblichen Mitspieler zu sein und andererseits durch die Meldungen bei den TV-Übertragungen, dass Spieler aus 170 Meter ein 8er Eisen zur Fahne setzen. Gefühlt haut man doch selbst genauso drauf wie die Burschen am Flatscreen, lediglich die Ergebnisse stellen sich nicht ein. Da kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen … bestimmt liegt es am Material! Es liegt mir natürlich fern zu sagen, dass es nicht am Material liegt, aber betrachten wir doch einmal die Grundidee etwas näher. Welchen Schläger sollte ich denn so weit wie möglich schlagen und warum? Macht es Sinn ein 8er Eisen 170 m weit zu schlagen? Wie sieht mein Ballflug aus? Was mach ich aus unter 100 Metern?

14 Schläger dürfen wir laut Regel 4-4a maximal auf eine Runde mitnehmen. Wie viele davon sollten wir so weit wie möglich schlagen? Meiner Meinung nach höchstens zwei. Einer seits unseren längsten Schläger vom Tee – für viele Spieler wird das ein Driver sein, für manche Spieler klappt möglicherweise eine Alternative besser als ein typischer Driver. In jedem Fall sollte dieser Schläger so angepasst sein, dass er bestmögliche Gesamtdistanz (also viel Carry und trotzdem viel Roll) vom Tee produziert und das möglichst wiederholbar.

Und als zweiter Schläger der auf Maximal-Distanz ausgerichtet ist bietet sich dann unser längster Schläger vom Boden an. In vielen Fällen wird das ein Fairwayholz sein, allerdings sollte bei weit mehr als der Hälfte aller Spieler der Loft des längsten Schlägers vom Boden mehr als 15° betragen, damit auch hier die Bälle zuerst einmal weit fliegen können, bevor sie noch ein ordentliches Stück zu Fuß gehen. Für alle weiteren Schläger in der Set-Zusammenstellung gilt, dass die Bälle damit so hoch fliegen sollten, dass der Eintreffwinkel des Balles zurück in den Boden so steil wird, dass der Ball schnell stehen bleiben kann und darüber hinaus sollte der Abstand zwischen den einzelnen Schlägern auch noch sinnvoll groß sein. Weniger als 8 Meter Abstand in der Carry Distanz zwischen zwei Schlägern führt bereits dazu, dass auf der Runde oftmals nur schwer zu unterscheiden ist, welcher Schläger denn nun der Richtige sei. Und wenn wir als Golfer etwas nicht gebrauchen können, dann ist es Unsicherheit, wenn wir über dem Ball stehen.

Ich möchte als Golfer also eine Set-Zusammenstellung haben, in der ich zwei Schläger maximal weit schlagen kann. Einen vom Tee und einen anderen vom Boden. Und alle weiteren Schläger sollen möglichst wiederholbar die selben, unterschiedlichen Distanzen produzieren und schnell stoppen können. Wer als Golfer sein Ego nicht soweit im Griff hat zu akzeptieren, dass die Vollzeitprofis im TV, die ihr Leben lang im wesentlichen nichts anderes gemacht haben als Tag ein Tag aus Golf zu spielen oder dafür zu trainieren, ihre Bälle weiter schlagen können als man selbst, der kann sich natürlich mit dem Material ein wenig helfen – aber Vorsicht! Um die Bälle mit einem Eisen länger zu schlagen, gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Ich kann als Schlägerhersteller ein Eisen bauen, dass maximal viel Trampolineffekt hat und bei mittigen Treffern sehr viel Abflug-Geschwindigkeit produziert, oder ich kann dem Schläger etwas weniger Loft geben.

Beide Szenarien haben unterschiedliche Nachteile. Produziere ich ein Eisen, dass durch mehr Trampolineffekt in der Mitte höhere Weiten erlaubt, dann mache ich damit praktisch im Handumdrehen die Set-Zusammenstellung kaputt, denn dieser Schläger macht nicht möglichst wiederholbar die selbe Distanz, sondern geht viel weiter wenn ich den Ball in der Mitte bei maximalem Trampolineffekt treffe und deutlich kürzer, wenn ich auch nur ein Stück daneben bin. In diesem Fall ist es eindeutig zielführender Schläger zu kaufen, die darauf ausgelegt sind, solche Fehler zu minimieren und nicht noch extra zu verstärken! Und bei Schlägern, die mit immer niedriger werdenden Lofts für mehr Weite sorgen laufe ich früher oder später in das Problem, dass ich einerseits noch mehr kürzere Wedges in meine Set-Zusammenstellung aufnehmen muss (also zum Beispiel zwei Gap-Wedges zwischen meinem Pitching-Wedge und dem Sand-Wedge) und meine längeren Eisen so wenig Loft bekommen, dass ich sie nicht mehr so hoch schlagen kann wie ich sollte, damit die Bälle liegen bleiben können. Natürlich könnte ich so ein 8er Eisen produzieren, dass jemand mit 75 mph Schlägerkopfgeschwindigkeit über 150 m schlagen kann. Allerdings hätte selbiger Spieler dann mehr Eisen mit Buchstaben in seinem Bag als mit Zahlen.

Sein längstes Eisen wäre dann nämlich wahrscheinlich das 7er oder 8er. Dafür bräuchte er fast zwingend ein P(itching Wedge), A(pproach Wedge), G(ap Wedge), U(tilty Wedge), S(and Wedge) und L(ob Wedge). Wer sich also diese P, A, G, U, S, L Kombination zu den Eisen 8 und 9 antun möchte, dem steht möglicherweise bald nichts mehr im Weg, ein 8er Eisen so weit zu Schlagen wie die Profis im TV. Ich plädiere im Gegenzug für etwas mehr Realismus in der Selbsteinschätzung, eine sinnvolle Set-Zusammenstellung und das altbewährte Konzept: „Wenn ich weiter schlagen möchte … nehm’ ich einen längeren Schläger“.