Wie lange dauert ein Fitting?
Deschmann Kolumne7

Wie lange dauert ein Fitting?

Das kommt ganz auf Sie an! Wenn Sie zum ersten Mal einen Schläger in der Hand halten, dann dauert ein Fitting für Sie wahrscheinlich nicht einmal eine ganze Minute – aber diese Minute hat es in sich, zumindest was die Auswirkungen auf Ihre Golf-Karriere betrifft. 

Ja, selbst wenn Sie nie zuvor einen Schläger in der Hand hatten macht es Sinn, auch schon den ersten Schläger an Sie anzupassen. Natürlich werde ich als Clubfitter keine detaillierte Anpassung des Schlägers auf Ihre Schwungbewegung machen. Wenn Sie noch nie einen Schläger in der Hand hatten, können Sie weder einen wiederholbaren Schwung noch eine brauchbare Technik vorweisen, aber auf Ihre körperlichen Voraussetzungen kann ich einen Schläger anpassen, ohne auch nur einen einzigen Schwung von Ihnen zu sehen.

Durch die aussergewöhnliche Beschaffenheit unserer Sportgeräte – im Vergleich zu anderen Schlägern haben wir Golfer bei unserem Gerät einen vorgegebenen Loft (die Neigung der Schlagfläche nach hinten, gemessen aus der Vertikalen). Diese Tatsache bringt eine weitere Komplikation mit sich. Wenn die Kombination aus Schaftlänge und Lie-Winkel (das ist der Winkel in dem der Schaft aus dem Schlägerkopf kommt) nicht zu unseren körperlichen Voraussetzungen passt, dann wird der Schläger im Treffmoment mit der Bodenplatte nicht flach am Boden aufsitzen, wenn wir alles richtig machen. Es kann passieren, dass uns ein perfekter Schwung gelingt und der Ball trotzdem nicht geradeaus fliegt, weil der Schläger ein wenig nach oben oder unten verkippt an den Ball kommt. Nun können Sie als Spieler leider nicht feststellen, ob Sie alles richtig gemacht haben oder nicht, sondern Sie müssen sich auf das Feedback im Treffmoment und den Ballflug verlassen. Da spüren Sie also einen perfekten Treffer – keinerlei Verdrehung vom Schlägerkopf und keine Vibrationen – aber der Ball segelt deutlich am Ziel vorbei. Natürlich werden Sie beim nächsten Schlag versuchen, den Ball ein bisschen besser in Richtung Ziel zu bringen, aber egal was Sie da als Korrekturbewegung einbringen, Sie werden nun bewusst oder unbewusst versuchen etwas „falsch“ zu machen, da wir ja gerade davon ausgegangen sind, dass Sie alles richtig gemacht hatten und lediglich die falschen Spezifikationen des Schlägers daran Schuld waren, dass der Ball nicht geradeaus geflogen ist. Mit einer guten Hand-Augen-Koordination werden Sie früher oder später die richtige Korrekturbewegung finden, um den Ball trotzdem in die richtige Richtung zu bringen, leider hilft Ihnen dieses gerade gewonnene Wissen nicht viel, denn die Korrekturbewegung, die Sie sich da soeben erarbeitet haben passt nur genau für diesen einen Schläger.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Schläger mit 0° Loft – also mit einer Senkrecht stehenden Schlagfläche. Egal ob Sie diesen Schläger auf die Spitze oder auf die Ferse kippen, die Ausrichtung der Schlagfläche wird davon nicht beeinflusst. Haben Sie allerdings mehr Loft, also eine stärker nach hinten gekippte Schlagfläche, dann ändert sich die Ausrichtung, wenn Sie den Schläger auf die Spitze stellen nach rechts oder auf die Ferse nach links. Je höher der Loft desto stärker die Abweichung, und da hoffentlich alle Schläger in Ihrem Set einen unterschiedlichen Loft haben, müssten Sie mit jedem Schläger eine andere Korrekturbewegung machen, um damit gerade aus zu schlagen. Ich finde es grundsätzlich schon schwierig genug einen Schwung zu lernen, aber für jeden Schläger einen anderen Schwung parat haben zu müssen erscheint mir recht aussichtslos.

Nun lesen Sie diesen Artikel wahrscheinlich schon länger als es gedauert hätte, ein rudimentäres Fitting an Ihnen durchzuführen. Damit Sie eine gute Chance haben Golf richtig zu lernen, brauchen Sie angepasste Schläger. Bereits am Anfang muss es also zumindest eine Anpassung an Ihre Körpergröße, Handgelenk-Boden-Abstand und athletische Möglichkeiten sein. Also eine Anpassung von Schaftlänge, Schaftgewicht, Schafthärte, Lie-Winkel und Griffgröße sein. Wenn diese Spezifikationen stimmen, können Sie beruhigt loslegen. Sollte der Ball nun tatsächlich einmal in die falsche Richtung gehen, dann liegt das Problem nicht am Material.

Der Zeitaufwand, den perfekten Schläger für einen Spieler mit einem gut wiederholbaren Schwung zu finden, ist allerdings unverhältnismäßig höher. Nun wird der Schläger nicht mehr „nur“ an die körperlichen Voraussetzungen angepasst, sondern auch an Ihren Schwung und Ihr Gefühl. Wir stellen fest, welche Set-Zusammenstellung für Sie die sinnvollste ist, damit Sie keinen Schläger kaufen, den Sie dann nur im Keller stehen haben. Wir finden Ihren längsten Schläger und welche Schläger für Sie die besten Distanz-Unterschiede liefern. Wir finden den besten Putter und die besten Wedges. Alles zusammen dauert auf jeden Fall mehrere Stunden. Aber wenn Sie nicht gewohnt sind, mehrere Stunden lang auf der Driving-Range zu stehen, dann nehmen Sie sich besser ein Thema nach dem anderen vor. Dann bleibt es auch bei verträglichen 45min Einheiten mit einer anschließenden Besprechung der Ergebnisse. Viel Spaß bei Ihrem nächsten Fitting und Sie werden sehen – es werden die besten Schläger, die Sie jemals gespielt haben.

Übrigens, mich gibt’s jetzt auch als Podcast unter www.golfcast.at