40 Sekunden müssen reichen
Aufreger, auch Amüsantes sowie schöne Geschichten vom Abschlag bis zum Grün, bis ins Loch und weit darüber hinaus.

Malesche, Ungemach und Schererei, droht: Ein Referee hat sich einem Golfer genähert und teilt ihm mit, dass er ihn „auf die Uhr“ nimmt. Des Spielers Nervenkostüm wird löchrig, zerfledert, zerfranst; so, wenn er oder sie ähnlich gestrickt ist wie ich. Schon im bisherigen Verlauf des Turniers glichen Schläge einem Segeln zwischen Skylla (Slice) und Charybdis (Pull-Hook) mit schicksalshaften Ergebnissen (der Ball rollte ins Out), die an griechische Tragödien (Strafschlag und Distanzverlust) erinnern. Jetzt soll ich auch noch noch schneller tun. Frechheit! Wo ich ohnedies zügigst spiele. Nebenbei, mit solch einer Meinung bin ich nicht alleine: Eine Befragung in den USA zeigt, dass etwa 60% der Golfer über sich meinen, sie würden schnell spielen, nur 4%, sie spielten langsam. 57% der Befragten meinen, andere Golfer spielten langsam. Langsam sind immer die anderen.
Es ist ein Jammer mit diesem elendslangsamen Spiel auf unseren Plätzen. Doch dann schaue man sich Profiturniere an: Rundenvon über fünf Stunden sind nicht selten. Dieses Umstandes nimmt sich nun die European Tour an, sie will das Golfspiel beschleunigen. Bald findet, und zwar hierzulande, „eine Weltpremiere“ statt – im Diamond Country Club vom 7. bis 10. Juni 2018 das Shot Clock Masters. Aus einem Pressetext: Ein „Abschlag in eine neue Golf-Zukunft.“ Denn: „Erstmals in der Geschichte des professionellen Golfsports wird ein Referee bei jedem Spieler bei jedem einzelnen Schlag eine Shot Clock mitlaufen lassen, also eine große Uhr, die einen für alle sichtbaren Countdown runterzählt“, erklärt Ali A. Al-Khaffaf (Golf Open Event GmbH) die Innovation, „das bedeutet, dass im Prinzip jeder Spieler für jeden Schlag maximal 40 Sekunden bzw. in bestimmten Fällen 50 Sekunden Zeit hat.“ Sonst geschieht was? Der Spieler erhält einen Strafschlag. Das nennte ich Malesche. – David Howell, Vorsitzender des European Tour’s Tournament Committee, sagte über die „Weltpremiere“ in Österreich: Sie [das Komitee] meinten, es sei der Mühe wert, es zu testen, in jener Woche, unter jenen gegebenen Umständen. Das Teilnehmerfeld sei nicht das stärkste, damit täte man niemandem allzu weh… Sie regten nicht an, dass dies die Zukunft von professionellem Golf sein solle. Andererseits, einige Spieler, darunter Bernd Wiesberger, sagen, dass sie das zum Testen freigegebene Format begrüßten.
Zurück auf einen Golfplatz Ihrer Wahl, Sonntag 11 Uhr, 4te Spielbahn. Zeit wird relativ, Geschwindigkeit auch, und der Standpunkt bestimmt die Perspektive: Die da vorne sind unglaublich langsam, sie halten das Spiel auf – oh nein, jetzt geht gar einer zurück, weil er seinen Schläger hat liegen lassen – und zuweilen verhalten sie sich so provokant, dass man – man ist ja grundsätzlich friedfertiger Natur – ihnen einen Marsch blasen will. Und dann die da hinten, diese rücksichtslosen Drängler, sie schreien und fuchteln wie Irre, knallen einem ihre Bälle vor die Füße, gefährden einen, man könnte – man ist ja grundsätzlich friedfertiger Natur – sich vergessen und diesen unverschämten Lümmeln, die Etikette nicht einmal vom Hörensagen kennen, die Ohren langziehen.
So oder so, Zeit und der Umgang mit ihr ist ambivalent: Benjamin Franklin meinte: „Dost thou love life? Then do not squander time, for that is the stuff life is made of.“ Walter Hagen wiederum empfahl: „You‘re only here for a short visit. Don‘t hurry, don‘t worry. And be sure to smell the flowers along the way.“ – Ich wünsche uns eine famose Golfsaison mit viel Zeit fürs Spiel.