Goethe goes Golf
Goethe in der Campagna von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, 1787.

Seit seinem ersten vermeintlich fulminanten Ballflug und weniger fulminanten Hupfern hernach weiß Golfer: Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer; ich finde sie nimmer und nimmermehr. So steht er – der Lenz ist da – auf der Range. Schlag auf Schlag! Er übt mit heißem Bemühn, bis Hände und Rücken schmerzen. Bald muss er sich eingestehen: Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor. Der Ball fliegt nicht, wohin der Golfer will. Also sucht er Rat bei einem Gelehrten. Eher gleichgültig gegenüber, was die Welt im Innersten zusammenhält, will er wissen, wie er die Kugel weit und gerade fliegen lassen kann.
Kurz: Ein Pro soll ihm des Pudels Kern dieses Sports aufdröseln. Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern wirkt und lebt! D. h., wie es sich mit Rhythmus, Tempo und Timing verhält. Wenn es denn sein soll, erwürbe er auch ein medicatum, etwa einen neuen Driver mit Stellschrauben, um sich vom vermaledeiten Slice zu kurieren. Golfers Himmel wär‘s, könnte er – vor allem er, der männliche Golfer – die Kugel 30 Meter weiter treiben. Dafür würd‘ er dem Teufel seine Seele verkaufen, oder? Am Ende ist es mit Pros wie mit Teufeln: Sie geben, doch ihr Rat erwies sich als nicht umsetzbar und des Mittelchens Wirkung fadete; die wohlbestallte, aber leidende Kundschaft kommt wieder, zu weiterer Therapie und für stärkere Arznei. – Irgendwann sagt sich Golfer: Pro, die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Außerdem: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum. Geht hinaus; denn vor dem Dorfe, auf der Wiese; front nine, back nine; hier ist  Golfers Himmel; er jauchzt: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!
Lediglich im Club – sein Rang in der Hackordnung ist allzu demütigend; insgeheim brütet er: Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein. Und ist es nicht so: Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Er, der ambitionierte Golfer, will den Sieg, den güldenen Pokal oder sei‘s fürs Erste eine blecherne Anstecknadel. Gelänge es, er würde zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn! Teufel auch: er ist zum Pakt mit Luzifer bereit. In luftiger Geisterwelt wird so ein Abkommen mit Blut – ein ganz besondrer Saft – besiegelt. Auf der Grasnarbe des Fairways täte Entspanntheit bei gleichzeitiger Spannung sowie Hingabe Not. Aber ach! O Weh! Es scheint, der Beelzebub verschmäht des Golfers Seele. Oder war Golfers commitment zu mickrig? Er schlägt auf den Ball, anstatt – Es war ein Schlag, der ging durch alle Glieder! – durch den Ball zu schwingen. Der Ball: Ja, aus den Augen, aus dem Sinn! Gar nicht so weit, viel mehr so unaufhaltsam ins Gestrüpp. Es werkte wohl ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. – Das ist der Lauf der Welt. Das ist der Lauf des Golfballs, also der Welt. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Es lebe, wer sich tapfer hält! So auf dem Grün, denn es ginge jetzt darum, diesen bogey-save zu machen, diese Kugel da, was ein Wunder wär‘, dort zu versenken. Positives Denken und Glauben an positives Denken kann helfen. – Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Wunder geschehen oder nicht. Der alte Goethe lässt einen Engel Wunder tun: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Sollte unsereiner nicht errettet werden und weiter – an guten Tagen – 90er Runden spielen – so doch, wenn wir Divots zurücklegen, Pitchmarken ausbessern, einerseits zügig spielen, andererseits nicht drängeln, können wir die Zuneigung des Clubmanagers, der Mitspieler gewinnen. Das ist der Weisheit letzter Schluß und unsre Freud‘ hienieden: zu schwingen und dahinzuschreiten in grüner Aue, alleine oder in einem Flight mit Freunden, frühmorgens, wenn Nebel ziehen, oder in den Sonnenuntergang hinein. – Über allen Gipfeln ist Ruh.

Ich wünsche uns eine erfolgreiche Golfsaison und Ihnen ein schönes Spiel.