Ich hatte einen Traum
Von Ernst Porkristl Redakteur ExtraGolf & Reisen

Im Schlaf, träumend also, erreichte mich die Aussendung über einen Workshop: „Mentale Fitness für Golfer – Auch Sie können gerade schlagen“. Mir war dabei vollkommen bewusst, dass ich im weiten Land der Golferseele Potential für Geradlinigkeit habe. Erlebte ich einen luziden Traum, einen spontanen Klartraum? Umgehend kontaktierte ich den Mental-Trainer. Experten behaupten, gutes Golfen sei zu 90% von mentaler Stärke abhängig – das habe ich nicht geträumt, sondern gelesen. Als oldschool Influencer, als Journalist – zu einem guten Deal immer bereit – fragte ich den Trainer, ob er mich nicht etwa honorarfrei mental fit machen wolle. Und ich argumentierte, ich könne ihm helfen, Umsatz und Gewinn zu steigern, indem ich zum Beispiel hier schriebe, über welche hervorragende Menschenkenntnis er verfüge, dass er Methoden nach Ergebnissen neuerster Hirnforschung anwende, und vor allem und wesentlich, dass ich heute 40 Meter weiter und schnürlgerade driven würde. Aus der Traum. Aufgewacht. Man muss nicht Psychologie studiert, Freud gelesen haben, um zu erkennen, meine Tagesreste hatten sich offenbart. – Allerdings ist mir aus dem Traum ein Nachtrest geblieben: Arbeite an deiner mentalen Stärke! Sei Influencer deiner selbst! Dafür gibt es nur ein taghelles Motto: Fake it till you make it. So tun als ob. Durch Schein zum Sein. Ovid: „Rede dir ein, du liebst, wo du flüchtig begehrst. Glaub es dann selbst… Aufrichtig liebt, wem’s gelang, sich selbst in Feuer zu sprechen.“ Publius Ovidius Naso empfiehlt nichts weniger als Selbstbetrug. Vertreter der reinen Lehre, recht rechtschaffene Menschen sehen hier nur List, Unlauterkeit; mehr noch: es gäbe kein richtiges Leben im falschen. Menschen mit beweglicherem Rückgrat, Pragmatiker erkennen die besseren Erfolgschancen mit einem optimistischen Zugang an Herausforderungen. Will ich wahrhaftig sein oder Birdies spielen? Einsichtig ist, mit schlechtem oder negativem belief, Coaches mögen dieses Wort, mein Freund Hans verwendet es oft, lässt sichkeine Pitchgabel gewinnen. Lasse ich an mir zweifelnd und ängstlich den 4,16 € Titleist Pro V1 vor meinem inneren Auge in den Tümpel plumpsen, plumpst er – sehr wahrscheinlich. Mit hängendem Kopf, vorgesunken Schultern, ohne Körperspannung sowie der Furcht auch den nächsten Ball in den Wald zu pullen, hat noch niemand einen guten Schuss gelandet. So geht’s also nicht. Stattdessen wird empfohlen, ein realistisches Ziel positiv zu formulieren; das wäre dann in meinem Fall: Ich schlage einen zarten Draw und liege nach gut 250 Metern. Freilich müsse ich diesen Satz auch glauben, ein klein wenig zumindest. – Leute! Das ist die nämliche Crux wie zuvor bei Ovid. Meine Oma pflegte zu fragen: „Was ist beim Glauben das Höchste?“ – Um sogleich, wenn sie manierlich aufgelegt war, zu antworten: „Der Hintern.“ Glauben heißt: Nicht wissen. Die Dialektik von Glauben und Wissen mag für Hegelianer von Interesse sein, doch inwieweit hilft mir das in der Teebox. Vor allem da ich Realist bin und über Erfahrungswissen verfüge: Es hat sich mir immer wieder gezeigt, dass mein Ball nach 150 Metern rechts abbog und sich z. B. in krautiger Vegetation auf nimmer wiedersehen versteckte. Woraus demnach guten Glauben schöpfen? Außerdem bin ich als nur der Objektivität verpflichteter Journalist auch zweifelnd zynischer Kyniker, das ist einer, der schon gemäß dem Namen seiner Denkschule zu einem Hundeleben verdammt ist. Ich habe wohl noch ein Stück des Weges vor mir, um mit einer glaubwürdigen Vorstellung von einem gelungenen Schlag sowie gesundem Gleichmut über das Gelingen desselben meinen Rückschwung zu beginnen. In der geträumten Aussendung stand: Es ist ein Mythos, dass man mentale Kraft einfach habe oder nicht habe, aber man könne sie lernend erwerben. Am Ende werde ich doch einen Mental-Trainer konsultieren müssen. Ich werde es Sie wissen lassen, sobald ich 40 Meter weiter und schnürlgerade drive.