Wir sind weder zum Fliegen noch zum Golfen geboren
Kleinod 3 2017
Von Ernst Porkristl Redakteur ExtraGolf & Reisen

Der Golfer – nunmehr vermutlich – vergangener Tage, Tiger Woods, wurde viermal am Knie und viermal am Rücken operiert. Golfen kann ordentlich krank machen. „Der klassische Golfschwung ist einfach unnatürlich und pathogen“, sagt Dr. Oktawian Ilow, Unfallchirurg und Golf Medical Coach. – Mittlerweile arbeiten Orthopäden, Unfallchirurgen, Biomechaniker und Pros an einem weniger gefährdenden Golfschwung. Und es gibt reichlich Ärzte, die, gestützt auf Studien, den gesundheitlichen Nutzen des Golfsports betonen. Der klassische Golfschwung: Dr. Ilow zeigte in einem Vortrag Serienbilder von Rory McIlroy. Abgesehen davon, dass viele minderbewegliche Golfer sich gerne so verwinden und vor allem so gut spielen können würden, verunsichern diese Bilder, angesehen im Bewusstsein um mögliche Selbstschädigung. Zunächst die Position am Ende des Rückschwungs: Relativ zum Stand rotiert McIlroy seinen Schultergürtel um mehr als 90 Grad. Im Durchschwung wird die aufgebaute Spannung gelöst, zunehmende Fliehkraft verstärkt Dreh-, Druck- und Scherkräfte. Schließlich die Endposition: Im Wesentlichen auf dem linken Fußaußenrand balancierend, dabei muss das überstreckte Knie die Torsion zwischen Unter- und Oberschenkel aushalten, die Gürtelschnalle zeigt zum Ziel, der obere Rücken etwa parallel zur Ziellinie, allerdings verkehrt herum, der ganze Körper gebogen wie ein gespiegeltes C – das kann nicht gesund sein. Auch Golf Digest, Leithammel unter den Golf-Magazinen, weiß: „Sogar die technisch tadellosesten Schwünge belasten die Wirbelsäule.“ Christian Haid (www.healthyswing.at), Biomechaniker an der Med-Uni Innsbruck, erklärt an Hand eines Modells zweier Wirbelkörper und der dazwischenliegenden Bandscheibe einen Grund für Belastung und daraus folgende Rückprobleme. Kollagene Fasern (anulus fibrosus) verbinden die Wirbelkörper und stabilisieren sie. Wenn wir schwingen, ein Wirbelkörper gegenüber dem nächsten gedreht wird, vermag nur mehr ein Teil der Fasern – ihrer scherengitterartigen Anordnung wegen – zu stabilisieren. Kommt es nun zusätzlich zu einer Verkippung, also wenn wir uns in der Wirbelsäule neigen oder krümmen, wird die geschwächte Bandscheibe stark belastet. Deshalb: Finden Sie ein für Sie passendes Maß an Becken- und Schulterrotation und vor allem schwingen Sie mit muskulär stabilisiertem (vulgo: mit gestrecktem) Rücken! Andernfalls ist Bandscheiben-Schädigung nicht unwahrscheinlich. Weitere Krankheitsbilder: Spinalkanalstenose, Wirbelgleiten und -bruch, Facetten- und Lendenwirbelsäulen-Syndrom. Außerdem gefährdet sind: Schulter, Ellbogen mit Golferellbogen und Tennisarm(!), Handgelenk, Knie, oberes Sprunggelenk, Achillessehne. Genug der verstörenden Nachrichten: Wir Golfer tun einiges für unsere Gesundheit, denn Golfen fördert körperliches und mentales Wohlsein. Wir gehen – gesünder ist’s, zu gehen statt zu fahren – in gut vier Stunden gut neun Kilometer über weiche Wiesen, in frischer Luft und herrlicher Landschaft. Das ist eine milde kardiologische Ausdauerbelastung oder eine muskuläre Betätigung in aerobem Bereich. Es begünstigt normalen Blutdruck und reduziert schädliche Blutfette. Während einer Runde verbrennt ein Golfer vornehmlich Fett und verbraucht etwa 1.400 Kcal. Immer wieder müssen sich Golferin und Golfer konzentrieren, was günstig für ihre mentale Gesundheit ist. Laufend sind sie koordinativ und mit komplexen Bewegungen gefordert. Auch dies steigert die Fitness und in weiterer Folge die Lebensfreude – Lebensfreude: Wir spielen glücklich nicht mit Feinden, sondern mit Partnern, Freunden, Gleichgesinnten. Golf bis hin zum 19. Loch ist eine Spielwiese für zwischenmenschliche Beziehungen, hier werden sie geknüpft und gepflegt. Und mit Golf haben wir die Perspektive, einen Sport bis in hohes Alter ausüben zu können. Golf, achtsam und moderat betrieben, ist ein gesunder Sport; es ist ein schönes Spiel und ein solches wünsche ich Ihnen.