Tipps für die Turnier-Vorbereitung
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Bereit für den 1. Abschlag

In jeder Winterpause reflektiere ich über die abgelaufene Golfsaison, stecke mir ambitionierte Ziele für das neue (Golf)Jahr und bin gleichermaßen motiviert wie hoffnungsvoll, dass ich mein Spiel drastisch verbessern werde. In weiterer Folge träume ich natürlich auch von einem niedrigeren Handicap, und am wichtigsten, einigen Turniersiegen! Ich gehe davon aus, dass die meisten Golfer ähnliche Erfolge wie ich anstreben. Um seine Leistungen mit einem oder mehreren Turniersiegen krönen zu können, sind nicht nur (intensives) Training und die entsprechende Tagesform von Nöten – besonders die Vorbereitung am Turniertag ist essentiell, ihr ist vor der Runde das Hauptaugenmerk zu schenken!

Die zwei wichtigsten Komponenten der Vorbereitung sind Zeit und Ausgewogenheit. Hierbei ist jedoch zu vermerken, dass Spieler meist verschiedene Routinen ausprobieren müssen, um die für sie optimale zu finden (wobei natürlich ein Trainer behilflich sein kann und sollte). Egal, ob Sie sich lieber zwei Stunden oder zehn Minuten aufwärmen – erstes Gebot ist, seien Sie rechtzeitig am Golfplatz (wer wurde beim Abholen der Scorekarte im Pro-Shop noch nie aufgehalten?), um unnötigen Stress zu vermeiden. Wer vom Parkplatz zum ersten Abschlag läuft, um die Runde unaufgewärmt zu beginnen, ist für gewöhnlich von Anfang an chancenlos!

Die Vorbereitung soll dazu dienen, sich aufzuwärmen und locker zu werden, der Fokus liegt dabei nicht (!) auf Technik – auf der Driving Range soll man daher nicht an dem Schwung arbeiten, sondern nur an Gefühl und Rhythmus! Einige Profis auf der LPGA und Ladies European Tour hören beim Aufwärmen Musik, um sich besser entspannen zu können. Eine optimal Vorbereitung sollte folgende Punkte beinhalten: Anfangs sollte man stretchen, um die Muskel aufzulockern und so Verletzungen vorzubeugen. Danach sollte man sowohl Bälle auf der Driving Range schlagen, als auch das kurze Spiel üben. Hierbei ist es besonders wichtig, sich mit Hilfe von langen Putts auf die Geschwindigkeit der Grüns einzustellen, und einige Sandschläge sowie Chips aus dem Rough zu machen, um mit den jeweiligen Verhältnissen (Tiefe des Grases, Beschaffenheit und Art des Sandes, etc.) vertraut zu werden. Abschließend ist es empfehlenswert, sich zehn Minuten vor der Abschlagzeit am ersten Tee einzufinden. Dort kann man eventuell noch einmal kurz stretchen und ein paar Probeschwünge machen und sich die erste Spielbahn ansehen (so man diese nicht schon gut kennt). In der letzten Minute vor dem ersten Abschlag sollte man einen Schwunggedanken für den Tag wählen, sich ein Ziel am Fairway (oder in der Entfernung) suchen, auf die Windverhältnisse achten, mehrmals tief Luft holen und einen ruhigen Schwung machen (mit 80 bis maximal 90% Ihrer möglichen Kraft). Obwohl die Vorbereitung auf die Runde besonders für ein Turnier wichtig ist, so ist es von Vorteil, vor jeder (!) Runde den gleichen Ablauf zu haben – sich normalerweise gar nicht aufzuwärmen, dies vor einem Turnier jedoch für zwei Stunden zu tun, wird Sie wahrscheinlich aus ihrer Routine bringen (und eventuell auch noch ermüden).

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich die Stars aufwärmen, möchte ich hier ein paar ausgewählte Beispiele anführen.
Die Vorbereitung von Tiger Woods sieht ungefähr so aus: Er kommt eine Stunde 25 Minuten vor der Tee-Time aufs Putting Grün, dort puttet er mit zwei Bällen 20 Minuten lang – insgesamt rund 60 Putts, die meisten davon Annäherungs-Putts (16 aus über 13 Metern, die kurzen aus ungefähr zwei Metern). Dann geht er für 35 Minuten auf die Driving Range – er fängt mit Pitches, dann mit vollen Wedge-Schlägen an. Danach schlägt er für je fünf Minuten ein kurzes, mittleres und langes Eisen sowie ein Fairway-Holz und den Driver. Nach dem Driver geht er die Reihenfolge bis zum kurzen Eisen zurück – am Schluss macht er einen Schlag mit dem Schläger, den er am ersten Abschlag verwenden wird. Danach widmet er sich fünf Minuten Bunkerschlägen, Chips und Schlägen aus dem Rough. Abschließend puttet er nochmals fünf Minuten – insgesamt 22 Putts, alle aus weniger als vier Metern. Sieben Minuten vor der Abschlagzeit erscheint er am ersten Tee.

Phil Mickelson kommt manchmal schon drei Stunden vor der Abschlagzeit auf den Golfplatz – bei einem Turnier, wo er am Finaltag im letzten Flight spielte, trainierte er zuerst zwei Stunden und nahm anschließend vor der Runde auch noch ein Mittagessen zu sich. Bei dem 2001 PGA Championship sorgte er für Erstaunen, weil er nach Ankunft am Clubgelände am Parkplatz mit seinem Caddie Baseball spielte. Der Paraguayaner Carlos Franco hingegen, vierfacher Sieger auf der PGA Tour, schlägt vor der Runde prinzipiell keine Bälle auf der Driving Range, bereitet sich dennoch auf die Runde vor! „Du hast in Deinem Leben Tausende Schwünge gemacht – Du wirst jetzt plötzlich nicht vergessen, wie das geht!“ meint er dazu ironisch. Ernie Els schlägt nach eigenen Angaben nie mehr als 50 Bälle, um sich aufzuwärmen. Als besonders minutiös ist die Vorbereitung von Vijay Singh zu bezeichnen. Wenn er sich auf der Driving Range aufwärmt, benützt er dabei einige „Hilfsmittel“, wie ein Headcover unter seiner Achsel oder einen in den Boden gesteckten Schaft! Sich daran zu orientieren ist Amateurspielern jedoch nicht anzuraten!    

Abschließend ist noch zu sagen, dass eine gute Vorbereitung ihre Chancen zwar erhöht, jedoch leider kein Allheilmittel ist. Letztendlich bleibt nur zu hoffen, dass Ihnen (wie auch mir) Schläge in Wasserhindernisse und „lip-outs“ erspart bleiben – und dass keiner der Mitbewerber in Ihrer Gruppe 50 Punkte spielt!
Dabei sollte man sich außerdem ständig bewusst sein, dass der erste Abschlag nicht zwangsläufig richtungsweisend sein muss – eine alte Golfweisheit besagt, dass viele gute Runden mit einem schlechten Auftakt beginnen!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche Golfsaison - „keep it in the short grass“!

Stephan Gürtler